Gemeinsame Erklärung des Informationsnetzwerks Homöopathie zur Veröffentlichung der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Homöopathie „Der aktuelle Stand der Forschung zur Homöopathie“

http://www.gwup.org/infos/nachrichten/1818-gemeinsame-erklaerung-des-informationsnetzwerks-homoeopathie-zur-veroeffentlichung-der-wissenschaftlichen-gesellschaft-fuer-homoeopathie-der-aktuelle-stand-der-forschung-zur-homoeopathie

Ramen!


30.05.2016 (gwup): Ein 60 Seiten fassender Reader zur Homöopathie ist erschienen, der angeblich die Wirksamkeit der Hahnemannschen Methode belegt. 60 Seiten, das klingt zunächst mal toll. Das klingt – auch wenn man darin liest und die vielen wissenschaftlichen Fachbegriffe und Anmutungen zur Kenntnis nimmt – überzeugend!

Warum haben wir Kritiker der Homöopathie also schon wieder etwas daran auszusetzen?

Es gibt zunächst einmal etwas ganz Grundsätzliches zu kritisieren: Der Reader enthält prinzipiell überhaupt keine neuen Informationen. Es handelt sich um teils seit Jahren bekannte Studien, Erhebungen und Gedanken. Wir fragen uns, warum also eine neue und so groß beworbene Veröffentlichung nötig ist.

Weiterhin fragen wir uns, ob Homöopathen, allen voran der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) und die Wissenschaftliche Gesellschaft für Homöopathie (WissHom), selbst eigentlich den Unterschied zwischen ihrer Werbung und Wissenschaft kennen oder ob sie hier mit Absicht undurchschaubar für Laien (Patienten!) vorgehen. Mit der Sprache der Wissenschaft ist es ähnlich wie mit der Zeugnissprache – beherrscht man sie nicht, so liest sich ein Text immer positiv.
Aus kritischer und wissenschaftlicher Sicht ist die Begeisterung der Homöopathen für diese Veröffentlichung jedoch nicht nachvollziehbar. Der Forschungsstand wird für homöopathische Verhältnisse zwar recht treffend beschrieben, aber wieso dieser nun plötzlich ausreichend Beleg sein sollte für eine spezifische Wirkung der homöopathischen Arzneimittel, ist nicht nachvollziehbar.

Drei Artikel befassen sich mit den angeblichen Belegen für eine Wirksamkeit:

  1. Teut schreibt über die Ergebnisse der Versorgungsforschung und stellt deutlich dar, dass aus den positiven Ergebnissen keine kausalen Schlüsse auf die Wirksamkeit der Therapie möglich sind.
  2. Von Ammon et al. versuchen sich an einem systematischen Review zur Wirksamkeit von Hochpotenzen in individueller Verordnung. Aus den Angaben in der Diskussion folgt, dass sie nicht eine wirklich hochwertige Arbeit gefunden haben, die signifikante Vorteile der Homöopathika gegenüber Placebo belegen könnte. Insofern ein Punkt für die Skeptiker, nicht für die Homöopathen.
  3. Behnke gibt eine Übersicht über die angeblich durchwegs positiven vorliegenden Ergebnisse von Meta-Analysen – er meint wohl systematische Reviews – lässt dabei aber wesentliche Arbeiten weg, nämlich die Reanalyse von Linde aus dem Jahr 1999 und die Analyse der australischen Gesundheitsbehörde NHMRC aus dem letzten Jahr, die seinem positiven Fazit zuwiderlaufen.

Die WissHom behauptet zwar den wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit von Homöopathie, diese Aussage findet sich aber in der Zusammenfassung ihres Papiers überhaupt nicht wieder.

Fazit 1: Das Papier der WissHom ist ein für Wissenschaftler leicht durchschaubarer Versuch, die Unwissenschaftlichkeit der Homöopathie mit einer Art „Großangriff“ zu verschleiern.
Das zeigt sich auch daran, dass die Homöopathie als Methode, also die Frage, ob das Ähnlichkeitsprinzip (Similieprinzip), das homöopathische Krankheitsbild (homöopathische „ganzheitliche“ Anamnese) und die Arzneimittelfindung per Katalog (Repetorium) überhaupt ein schlüssiges Gebilde darstellen, völlig ausgeklammert bleibt. Es geht ausschließlich um die angebliche Wirksamkeit „potenzierter Arzneien“. (Das ist in etwa so, als ginge es beim Auto nicht um die Frage, ob Motor, Getriebe, Lenkung und Fahrwerk richtig konstruiert sind, sondern lediglich darum, ob das Benzin zum Betrieb des Wagens geeignet ist.)
Die WissHom räumt zu den angeführten klinischen randomisierten Studien von vornherein deren Relativierbarkeit selbst ein. Zu den angeblich so bedeutenden Metaanalysen wird eingeräumt, dass deren Signifikanz stark von der Auswahl der Selektionskriterien für die Einzelstudien abhängig ist. Dies geht einher mit einer Diskreditierung missliebiger Autoren, deren Arbeit „nicht immer wissenschaftlichen Standards“ entspräche oder sogar die Unverschämtheit haben, „sich ausdrücklich auf eine postulierte Implausibilität der Wirksamkeit hochpotenzierter Arzneimittel“ zu berufen. Es gibt keine Grundlagenforschung zur Wirkung homöopathischer Arzneimittel, die nachvollziehbar wissenschaftliche Evidenz aufweist. Es bleibt bei den bekannten Ergebnissen, die entweder als wissenschaftliche Unredlichkeit oder als nicht reproduzierbare Pseudoergebnisse erwiesen sind bzw. als Inanspruchnahmen nicht- oder halbverstandener Forschungsergebnisse aus fachfremden Forschungsbereichen.

Fazit 2: Versorgungsforschung ist prinzipiell nicht geeignet, Wirksamkeitsnachweise zu erbringen. In ökonomischen Analysen kann die Homöopathie zwar unter Umständen gut abschneiden. Das bedeutet aber wenig: Nichtstun ist stets noch billiger – und: without effectiveness, there can be no cost-effectiveness.

Fazit 3: Wenn die Homöopathen jedoch tatsächlich meinen, mit ihren Studien den Nutzen belegt zu haben, dann braucht es auch keine Schutzzäune mehr, wie die „besondere Therapierichtung“, die bislang keinen Wirksamkeitsnachweis nach den üblichen Kriterien erfordert. Dazu zitieren wir Frau Dr. Bajic die 1. Vorsitzende des DZVhÄ: „Ein sorgfältig ausgewähltes homöopathisches Arzneimittel heilt schnell, sanft, sicher, nebenwirkungsfrei und dauerhaft auch schwere, akute und chronische Erkrankungen, wie Migräne, Neurodermitis, Asthma bronchiale, Colitis, Rheumatismus u. v. a., für die sonst nur Linderung, aber keine Heilung möglich ist. Dies gilt auch für akute Krankheiten bakterieller oder viraler Natur. Solange der Organismus zu einer Reaktion auf die Arznei fähig ist, kann ein homöopathisches Mittel heilen.“
Wenn dies für Homöopathen also so eindeutig ist, dann können die zuständigen Institutionen in den Arzneimittel-Gesellschaften (BfArM, AMG) Homöopathika genau so bewerten wie normale Medikamente. Wir sind als Kritiker zwar weiterhin davon überzeugt, dass solche Nutzenbelege fehlen, finden aber, die Politik sollte die Homöopathen bei ihrem eigenen Wort nehmen und sie denselben Prüfverfahren unterwerfen wie alle anderen Behandlungsverfahren auch.

Unsere kritischen Forderungen an Homöopathie, Gesellschaft und Politik finden sich auch in der Freiburger Erklärung zur Homöopathie wieder.

Für das INH:

Dr.-Ing. Norbert Aust (Initiator Informationsnetzwerk Homöopathie, INH)
Prof. em. Edzard Ernst (Emeritus Prof. Universität Exeter)
Dr. med. Natalie Grams (Leiterin Informationsnetzwerk Homöopathie, INH)Amardeo Sarma (Vorsitzender der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften, GWUP)
Prof. Dr. Norbert Schmacke (Universität Bremen)

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